Bereits in der zweiten Woche stehen Wilhelmshavener Drogenkranke morgens zwischen 11.00 Uhr und 13.00 Uhr vor der Kassenärztlichen Vereinigung in der Kirchreihe. Sie halten dort eine Mahnwache ab, mit der sie erreichen wollen, dass ihre Versorgung mit Methadon auf sichere Füße gestellt wird.
Methadon ist der Ersatzstoff für Heroin; es besetzt die Rezeptoren im Nervensystem und blockiert sie damit, so dass danach gespritztes Heroin nicht mehr andocken kann und damit unwirksam im Körper ist. Methadon macht nicht „high“, muss aber täglich genommen werden. Methadonpatienten, die die für sie richtige Menge täglich einnehmen, sind arbeits-und gesellschaftsfähig. In New York gibt es z.B. tausende dieser Patienten, die mit Methadon ihrer Arbeit wieder nachgehen können; und zwar sind das Menschen aus allen Schichten, auch Lehrer, Rechtsanwälte, Versicherungsmakler oder Orchestermitglieder.
In Wilhelmshaven gibt es nun folgendes Problem: Einer der drei Ärzte, die hier diese Patienten behandeln hat angekündigt, dass er damit ab 1.12. aufhören wird, wenn die Kassenärztliche Vereinigung nicht für bessere Arbeitsbedingungen sorgt. Sein Konzept sieht eine Schwerpunktpraxis vor, in der die an ihr beteiligten Ärzte in Schichten täglich einige Stunden Dienst tun. Das hätte den Vorteil, dass die Praxen selbst nicht mit den oft unruhigen und schwierigen Patienten belastet würden. Das Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung für dieses Projekt rechnete sich für die Ärzte überhaupt nicht, so dass auf dieser Basis keine Lösung zustande kam.
In dieser Situation hat der bisher Methadonsubstituierende Arzt seinen etwa 40 Patienten erklärt, er könne sie ab 1.12. nicht weiter behandeln, weil die Behandlung dieser Krankheit auf viel mehr ärztliche Schultern verteilt werden müsste.
Diese Erklärung verursacht bei den Betroffenen eine erhebliche Angst. Das Methadon hat sie aus der Beschaffungskriminalität befreit, die vielen von ihnen schon viele Jahre Gefängnis eingebracht hatte. Sie wollen nicht rückfällig werden und wehren sich nun mit einer Mahnwache. Zwar gibt es in Oldenburg und in Varel noch einige Behandlungsplätze, aber wer von ihnen hat schon das Geld dort täglich hinzufahren?
Auf dem diesjährigen Kongress für Drogen und Suchtmedizin (DGS) der Gesellschaft gleichen Namens am letzten Wochenende in Berlin, hat die Wilhelmshavener Mahnwache bei den Ärzten aus ganz Deutschland zu Anerkennung und Erstaunen geführt. Erstaunen deshalb, weil Drogenkranke eigentlich mit sich und ihrem Problem soviel zu tun haben, dass sie nicht in der Lage sind, eine Mahnwache zu organisieren.
In Wilhelmshaven beweisen sie seit einer Woche das Gegenteil. Zu dem ersten Schild der letzten Woche, auf dem ihre Forderungen stehen, kamen heute zwei neue Schilder hinzu, auf denen die Namen von annähernd 40 Menschen stehen, die in den letzten Jahren an den direkten oder indirekten Folgen des Drogenkonsums in Wilhelmshaven gestorben sind. Die Zahl ist deshalb so erschreckend hoch, weil die medizinische Versorgung dieser Menschen unzulänglich war!
Eine Bitte an alle, die diesen Bericht lesen: Gehen Sie mal zur Mahnwache, zeigen Sie Solidarität!
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